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Leo Kreutzer
LESEN REISEN SCHREIBEN
Wie Hubert Fichtes wichtigste Fortbewegungsarten
einander steigern (1)
Wo befinde ich mich, wenn ich schreibe?
Hier oder dort oder in der Mitte oder nirgends?
Der Platz der Gehenkten
Ich bin Schriftsteller.
Ich liebe die Bücher.
Sind Sie durch Lektüre geprägt worden?
Psyche
(Imaginäres Interview mit Thomas Sankara)
Ist Hubert Fichte nicht ein derart frenetischer Leser gewesen,
daß man sich fragt: Wie hat der Zeit zum Reisen und zum Schreiben gefunden? Ist der Mann nicht so viel gereist,
daß man sich fragt: Wann bloß hat er gelesen und geschrieben? Und hat er nicht derart besessen geschrieben,
daß man sich fragt: Wie hat er da noch lesen und reisen können?
Nun verhält es sich aber so, daß Fichtes wichtigste Fortbewegungsarten um sein Zeitbudget nicht konkurriert,
daß sie es einander nicht streitig gemacht haben. Man kann auf Reisen lesen: an der Algarve A la recherche du temps perdu, die Ilias in Ouagadougou. Man kann auf Reisen schreiben: In Brasilien an einem Roman über
eine Hamburger Pubertät. Erzählte Reisezeit kann Erzählzeit im Sinne von Schreibzeit sein: Forschungsbericht. Hubert Fichtes in jeder Hinsicht weit ausgreifendes Werk wäre ganz undenkbar ohne die eminente
Fähigkeit dieses Autors, die von ihm exzessiv praktizierten Fortbewegungsarten des Lesens, des Reisens und
des Schreibens nicht nur zu synchronisieren, sondern sie ko-produzierend einander steigern zu lassen.
Daß und wie sein Lesen, sein Reisen und sein Schreiben einander gesteigert haben, unterscheidet den Schriftsteller
und Ethnographen Hubert Fichte von europamüden Fernreisenden, die außereuropäische Lebensräume
vor allem deshalb heimsuchen, weil sie sich diese als ursprünglich und möglichst unberührt exotisch
denken. Dieser in der Ethnographie und im Ferntourismus weit verbreitete Wahn neigt zu der Befürchtung, daß
das Reisen vom Schreiben und vom Lesen aufgezehrt werde. Dem Begehren nach Ursprünglichkeit stehen Schreiben
und Lesen unter Verdacht, das Reisen zu entzaubern. Dieser Verdacht kommt exemplarisch zum Ausdruck im einleitenden
Kapitel des Buches Tristes Tropiques von Claude Lévi-Strauss.
"La fin des voyages", das "Ende der Reisen", ist dieses Kapitel überschrieben. Es schließt
mit dem Szenario einer unaufhaltsamen Entzauberung des Reisens durch das Schreiben und das Lesen. Ich möchte
diese Passage in vol-
ler Länge vergegenwärtigen, weil sich hier in aller Deutlichkeit und Ambivalenz ein ethnographisches
und ferntouristisches Begehren ausspricht, reisend in unberührt ursprüngliche Lebenswelten zu regredieren.
Ein Begehren, das Hubert Fichte nicht geteilt hat, weshalb er sein Reisen zu seinem Lesen und seinem Schreiben
in ein völlig anderes Verhältnis bringen konnte. Ich zitiere aus den Traurigen Tropen nach der
Übersetzung von Eva Moldenhauer:
Ich wünsche mir, zur Zeit des wahren Reisens gelebt
zu haben, als sich in all seiner Pracht ein Schauspiel darbot, das noch nicht verdorben, verseucht und verflucht
war; ich wünsche mir, diese Stadtmauer nicht allein durchschritten zu haben, sondern zusammen mit Bernier,
Tavernier, Manucci... Einmal begonnen, nimmt das Spiel der Mutmaßungen kein Ende mehr. Wann hätte man
Indien besuchen sollen, zu welcher Zeit hätte die Erforschung der brasilianischen Wilden die höchste
Befriedigung gebracht, wann hätte man sie in ihrer ungetrübten Form bekanntmachen können? Wäre
es besser gewesen, im 18. Jahrhundert zusammen mit Bougainville oder im 16. Jahrhundert mit Léry und Thevet
in Rio zu landen? Jeder Lichtstrahl in die Vergangenheit erlaubt es mir, eine Sitte zu retten, ein Fest zu gewinnen,
eine Überzeugung zu teilen. Aber ich kenne die Texte nur allzu gut, daß ich, wenn ich mich um ein Jahrhundert
zurückversetze, gleichzeitig auf Informationen und Raritäten verzichten muß, die heute mein Denken
bereichern. Und so bin ich in einem Kreis gefangen, aus dem ich nicht auszubrechen vermag: je weniger die menschlichen
Kulturen imstande waren, miteinander zu kommunizieren, desto unfähiger waren auch ihre jeweiligen Sendboten,
den Reichtum und die Bedeutung dieser Vielfalt zu erkennen. Letztlich bin ich der Gefangene einer Alternative:
entweder ein Reisender des Altertums, der zwar einem gewaltigen Schauspiel hätte beiwohnen können, dem
jedoch alles oder fast alles entgangen wäre oder der, noch schlimmer, nichts als Spott und Verachtung dafür
übrig gehabt hätte; oder ein moderner Reisender, der den Überresten einer verschwundenen Realität
nachjagt. In beiden Fällen bin ich der Verlierer, und in weit größerem Maße, als es mir scheint:
denn bin ich, der ich Schatten nachtrauere, nicht unempfänglich für das wirkliche Schauspiel, das hier
und heute Gestalt annimmt, aber das zu beobachten meine heutigen menschlichen Fähigkeiten nicht ausreichen?
- In einigen hundert Jahren wird am selben Ort ein anderer Reisender ebenso verzweifelt wie ich all den Dingen
nachtrauern, die ich heute hätte sehen können und die mir entgangen sind. Als Opfer
eines doppelten Unvermögens verletzt mich alles, was ich sehe, und ich werfe mir unablässig vor, nicht
genau genug hinzuschauen." (2)
Als "wahre" Reise gilt dem Autor der Traurigen
Tropen die ganz neue Reise in das ganz Alte,
in das alte Ganze. Das "wahre" Reisen geht in dem Maße verloren, wie auch "die Wilden"
nicht mehr das sind, was sie - für die Europäer - einmal waren: "lebt wohl, Wilde!
lebt wohl, Reisen!" (3) Das Reisen wird zur melancholischen Nachlese, wenn der Ethnograph
sich das "Schauspiel" vergegenwärtigt, das seine Vorgänger noch zu sehen bekommen und das sie
"in all seiner Pracht" beschrieben hatten. Mit den - allesamt gewissenhaft gelesenen - Beschreibungen
einer verschwundenen Pracht im Kopf sieht sich der Reisende unweigerlich in der Rolle des Zu-Spät-Gekommenen.
Ihn verletzt, was er zu sehen bekommt: Bruchstücke und Ruinen exotischer Spektakel von einst, die in den alten
Reiseberichten als "gewaltig" dargestellt sind. Seine Enttäuschung hindert ihn daran, genau hinzuschauen
und das wahrzunehmen, worum spätere Reisende, nachdem er für sie seinerseits zu einem Vorgänger
geworden sein wird, ihn beneiden werden.
Bei Lévi-Strauss ist von einer Relation zwischen dem Lesen, dem Reisen und dem Schreiben die Rede, bei dem
sich das Reisen in der Tat vom Schreiben und vom Lesen aufzehren läßt. Die exemplarisch-genaue Analyse,
die der Autor der Traurigen Tropen seinem hochambivalenten Verhältnis zu seinen schreibenden Vorgängern
zuteil werden läßt, ist nicht ohne Selbstkritik. Daß der Ethnograph sich von den überlieferten
Bildern einstiger Pracht daran hindern läßt, in der Gegenwart "genau genug hinzuschauen",
erfüllt ihn mit schlechtem Gewissen. Aber das geht nicht so weit, daß er bemüht wäre, sich
von seiner Fixierung auf das Beschriebene und Gelesene zu lösen. Denn das würde für den Ethnographen
bedeuten: anders zu lesen, anders zu reisen, anders zu schreiben.
Daß es sich bei Hubert Fichte um einen Schriftsteller und Ethnographen handele, der anders gereist ist, nämlich ohne ein in der Ethnographie und im Ferntourismus weit verbreitetes Begehren
nach Ursprünglichkeit, ist hinreichend bekannt. Daß und warum er anders geschrieben habe, hat
er selbst mit seinen Ketzerischen Bemerkungen
für eine neue Wissenschaft vom Menschen
und an vielen Stellen seines Werkes eindringlich dargelegt. Wir sind, ebenfalls durch ihn selbst, auch weitgehend
darüber informiert, was Hubert Fichte gelesen hat. Über den ko-produktiven Zusammenhang,
in dem das Lesen, das Reisen und das Schreiben bei Fichte stehen, läßt sich aber vor allem dadurch Klarheit
gewinnen, daß wir uns fragen, wie er auf Reisen und schreibend mit Leseerinnerungen umgegangen ist: in welchem
Sinne er also auch anders gelesen habe.
Um noch einmal auf die zitierte Passage aus dem Eingangskapitel der Traurigen Tropen zurückzukommen:
Dort bedauert der Autor, die "brasilianischen Wilden" nicht mehr "in ihrer ungetrübten Form"
kennenlernen, vor allem aber, sie nicht in dieser Form "bekanntmachen" zu können. Diese ethnographische
Trophäe ist nämlich längst an die als rechtzeitig vorgestellten Erkundungen früherer Reisender
gegangen. Deren gedruckter Hinterlassenschaft gegenüber sieht sich der Ethnograph des 20. Jahrhunderts zugleich
in einem Nach- und in einem Vorteil. Er bekommt weniger zu sehen, meint dafür aber, von den Fortschritten
ethnographischer und ethnologischer Forschung profitierend, mehr zu verstehen. Die Logik, innerhalb deren sich
Claude Lévi-Strauss als Leser, als Reisender und als Autor der Traurigen Tropen bewegt, ist
die eines unentwegten fachwissenschaftlichen Fortschreitens. Es ist diese Logik, die seiner Bewertung des Reisens
und seiner Beurteilung des wechselseitigen Verhältnisses zwischen Lesen, Reisen und Schreiben zugrunde liegt.
Nun hat auch Hubert Fichte nicht dazu geneigt, die Bedeutung seiner Arbeit für Ethnographie und Ethnologie
zu unterschätzen. Auch er hat sich mit der für seine Feldforschungen einschlägigen Fachliteratur
beschäftigt. Herbert Uerlings hat im Anhang des Fichte-Kapitels seines Buches über "Poetiken der
Interkulturalität" aus Fichtes Nachlaß eine Liste mit zwei Dutzend Studien zur Kultur und Geschichte
Haitis zusammengestellt, von denen man "mit Sicherheit" sagen könne, Fichte habe
sie "gekannt, d.h. zumindest erwähnt". (4) Aber den
Leser Fichte macht aus, daß er bei seiner ethnographischen Arbeit nicht auf die von frühen
Reiseberichten vermittelten Bilder einstiger Pracht fixiert ist, daß er dabei überhaupt nicht ausschließlich
ethnographische Quellen im Kopf hat.
In seinen Ketzerischen Bemerkungen für
eine neue Wissenschaft vom Menschen nennt
Fichte sein Verfahren ethnographischen Schreibens: "poetisch freilegen". Aber bereits die Art und Weise,
wie seine Lektüren bei seinen ethnographischen Erkundungen mitwirken, ist sowohl durch
Literatur im weitesten als auch durch Poesie im engsten Sinne geprägt. Den Zugang zu ethnographischen Wahrnehmungen
läßt er sich nicht allein durch Fachliteratur ebnen. Beim beobachtenden "Freilegen" von ethnographischen
Sachverhalten kommt ihm alles zugute, was er jemals gelesen hat; wie umgekehrt seine Leseerfahrungen durch seine
ethnographischen Erfahrungen gesteigert werden. "Bei den Einweihungsriten der Leopardenmänner",
heißt es in den Ketzerischen Bemerkungen, "müssen einem The Leatherman´s Handbook aus New
York und zu Jean Genets Enfant Criminel das Verhalten der Oasis Gabès einfallen dürfen.
Redefiguren, Periphrasen. Spielformen. Concetti."
Bei meinen Bemühungen, etwas darüber herauszufinden, wie Hubert Fichte gelesen
habe, bin ich in meinem Bücherregal an ein deutlich ungelesenes Exemplar eines Buches geraten, das seinen
Namen trägt. In der Reihe "Mein Lesebuch" des Fischer Taschenbuch Verlags erschienen in den 70er
Jahren Text-Sammlungen, die von Alfred Andersch und Heinrich Böll, von Max von der Grün und Peter Härtling,
von Günter Kunert und Wolf Wondratschek eingerichtet waren. Und auch eine von Hubert Fichte. Die Tatsache,
daß es sich bei seiner Beteiligung an dieser Taschenbuch-Reihe seines Verlags offenkundig um eine Auftragsarbeit
handelte, mag nicht nur mich, sondern auch andere Fichte-Leser seinerzeit zu der Annahme verleitet haben, die von
ihm getroffene Auswahl eher für flüchtig, jedenfalls nicht für besonders signifikant zu halten.
Zumal diese Auswahl dadurch befremdete, daß sie sich, wie wohl die Reihe insgesamt, auf deutschsprachige
Literatur beschränkte.
Dabei beginnt Fichte seine Einleitung zu seiner 1976 erschienenen Anthologie deutscher Literatur mit einer Litanei,
die er ebenfalls mit der Überschrift "Mein Lesebuch" versieht, und wo er zwischen Homer und Jorge
Luis Borges weitere sechzehn Namen aufführt, unter denen sich nicht ein einziger Autor deutscher Sprache befindet.
François Villon und Rabelais, Strindberg und Proust, noch nicht der spätere "Freund" Herodot,
aber bereits Euclides da Cunha und seine grandiosen Sertoes, nicht Shakespeare, aber Selma Lagerlöf und Jean Genet.
Ich denke mir, die Irritation über Fichtes deutsches Lesebuch wurde seinerzeit noch durch den Umstand verstärkt,
daß er nicht nur konventionell chronologisch vorging, sondern daß es so schien, als habe die Abfolge
der ausgewählten Texte ein geschichtliches Kontinuum zu repräsentieren. Beim Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses
konnte es einem in der Tat so vorkommen, als sei die Auswahl bemüht, ein - wenn auch sehr persönliches
- Bild der deutschen Literaturgeschichte seit dem Barock zu vermitteln. Und bekundete Fichte in seiner Einleitung
nicht etwas oberlehrerhaft: "Mit einundvierzig sollte man einen Überblick haben über
die Literatur des eigenen Sprachraums und die Literaturen der Welt." (5) Überblick über die Literatur des eigenen Sprachraums? Ich glaube mich daran zu erinnern,
daß mir unter diesem Gesichtspunkt Fichtes deutsches Lesebuch seinerzeit denn doch als allzu extravagant
erschien: Bertolt Brecht und Bengta Bischoff.
So habe ich die Texte dieser Anthologie erst jetzt auf mich wirken lassen, erst bei meiner Erkundung von Fichtes
Art zu lesen in ihrem Verhältnis zu seiner Fortbewegung durch Reisen und Schreiben. Meine Leseerfahrung mit
diesen Texten ist, daß es sich bei ihrer Auswahl und Abfolge keineswegs um eine Konstruktion der Geschichte
deutschsprachiger Literatur handelt. Als Selbstanzeige des Lesers Hubert Fichte stellt
diese Anthologie vielmehr ein genaues Gegenstück zu seinen ethnographisch-literarischen Fern-Erkundungen
dar. Fichte ist entschieden darum bemüht, im Nahbereich seines Herkommens, in den Ablagerungen der literarischen
Tradition seines Sprachraums, ein untereinander und ihm selbst wahlverwandtschaftlich verbundenes Schreiben zu
dokumentieren. Auch hier also: Schichten, nicht (Literatur-)Geschichte. "Mein Deutsches
Lesebuch: Ein Feature aus Gedichten, Theaterstücken, Features, Prosa - ein Lesebuch als ´Symposion`."
(6)
Bei diesem Symposion sitzt der Gastgeber nicht mittenmang, Hubert Fichte thront nicht als Sammler selbstgenügsam
unter den Seinigen. Die Einleitung seines Lesebuchs ist datiert und geographisch fixiert: "Dakar Juni 1976".
Das hat nichts von einem coolen: "Hallo Fans, bin mal wieder für Euch auf Achse!" Und es handelt
sich dabei auch nicht um die hastige Pose eines rasenden Reporters, der irgendwo unterwegs auf der Welt unter Termindruck
einen lästigen Nebenjob erledigt. Daß Hubert Fichte Lesern in Deutschland sein Deutsches Lesebuch von
der Hauptstadt des Senegal aus überreicht, gibt zu verstehen: Auf seinen Reisen begleitet
ihn Literatur seines Sprachraums. (7)
So schottet sich das Symposion, als das Fichte sein Lesebuch mit Texten deutscher Literatur organisiert, auch nicht
wirklich nationalliterarisch nach außen hin ab. Mit der Vorstellung von einem Symposion verbindet sich ja die
Erwartung, etwas miteinander anfangen zu können. Die Texte seines Deutschen Lesebuches verbindet in Fichtes
Augen, daß sie etwas miteinander anfangen können. Und wenn sie ihn auf seinen ethnographischen Erkundungen
begleiten, dann scheint er die Erwartung zu hegen, er scheint die Erfahrung gemacht zu haben,
daß diese deutschsprachigen Texte und die ethnographischen Sachverhalte, die er in afroamerikanischen Kulturen
und in Schwarzafrika selbst kennenlernt, etwas miteinander anfangen können.
Der das Ende "wahrer" Reisen, das Ende von Reisen in Ursprüngliches und Ungetrübtes befürchtende
Ethnograph stellt sich nicht die Frage, ob er und die fremden Menschen, die er aufsucht, etwas miteinander werden
anfangen können. Vielmehr fragt er sich, in welchem Maße er diese Menschen und ihre Kultur noch "bekanntmachen",
inwieweit er mit ihnen noch etwas anfangen kann. Das Zusammenwirken
von Lesen, Reisen und Schreiben führt in diesem Forschungs-Set zwangsläufig dazu, daß der Forschungsgegenstand
an Interesse mehr und mehr verliert. Diese Art, mit dem Fremden umzugehen, entspricht der herrschenden Logik wissenschaftlicher
Forschung überhaupt. Sie entspricht dem durch den Wissenschaftsbetrieb bis auf weiteres privilegierten Impetus,
Gegenstände so lange zu traktieren, bis sie vollkommen uninteressant geworden sind.
Weit davon entfernt, das Reisen aufzuzehren, kommt das Lesen Hubert Fichte hermeneutisch zugute. "Bei den
Einweihungsriten der Leopardenmänner müssen einem The Leatherman´s Handbook aus New York und zu
Jean Genets Enfant Criminel das Verhalten der Oasis Gabès einfallen dürfen." Ein wechselseitiges
Anähneln von Leseerfahrungen und ethnographischen Wahrnehmungen, sagt Fichte in seinen Ketzerischen Bemerkungen, müßte einem gestattet sein. Er sagt das in dem Wissen, daß ein methodisches Anähneln
in der Wissenschaft als anrüchig gilt. Es gilt vor allem deshalb als anrüchig, weil es sich daran hält,
wie die Dinge erscheinen, wie sie dem um Erkenntnis bemühten Subjekt
erscheinen.
Daß ein methodisches Anähneln phänomenologisch vorgeht und dabei auch noch subjektzentriert
ist, macht seine hohe Affinität zu poetischen Verfahrensweisen aus. (8) Im Spannungsfeld
von Ethnologie und Literatur bewegt Fichte sich also nicht erst schreibend. Und in diesem Spannungsfeld bedient
er sich seines Erinnerungsvermögens in einer völlig anderen Weise, als es ein Ethnograph tut, dessen
Leseerinnerung durch Bilder einstiger Pracht besetzt ist und der sich ausmalt, wie seine Nachfolger ihn
um das von ihm gerade noch Gesehene beneiden werden. Hubert Fichtes Erinnerungsvermögen macht, daß dem
Ethnographen Fichte manches bekannt vorkommt, weil er einmal etwas Ähnliches gelesen hat; es macht, daß
dem Leser Fichte manches bekannt vorkommt, weil er auf seinen Reisen einmal etwas Ähnliches gesehen
hat.
Bei diesem Ähnlichkeitsgefühl und Ähnlichkeitsbewußtsein handelt es sich um eine geschichtlich
ehrwürdige Erkenntnisform. Seit jeher hat die Gattung, hat aber auch das Individuum sich in fremdes Gelände
am Ariadnefaden des Anähnelns vorgetastet. Mit einer Vereinnahmung des Fremden durch die eigene Welt-Anschauung
hat das nichts zu tun. Wer sich dem Fremden mit dem Mittel des Anähnelns nähert, scheint vielmehr darauf
bestehen zu wollen, daß Gegenstände, Sachverhalte, Vorgänge, Verhaltensweisen, Texte, Menschen,
Gesellschaften, Kulturen nicht gleich, daß sie aber auch nicht ganz verschieden seien.
Es ist seit jeher die Literatur gewesen, die darauf bestanden hat, daß die Dinge des Lebens nie völlig
bekannt, daß sie aber auch nirgends gänzlich unbekannt sein können. Wenn das dem Ethnologen Hubert
Fichte vertraut war, so hat der das nicht von der Ethnologie gelernt. Er hat es vom Poeten Hubert Fichte.
Meine Überlegungen über die Art und Weise, wie bei Hubert Fichte Ethnologie und Literatur, wie bei ihm
die Fortbewegungsarten Lesen, Reisen und Schreiben einander steigern, möchte ich mit einer persönlichen
Reminiszenz beschließen. 1968 habe ich Gelegenheit gehabt, in Hans Mayers Literarischem Colloquium an der
damals noch Technischen Universität Hannover Hubert Fichte aus seinem soeben erschienenen zweiten Roman, Die Palette, lesen zu hören. Der Abend hat mich zum Fichte-Leser gemacht. Den Tonfall dieser Lesung, den
Hamburger Lokal-Ton der Palette im Ohr, habe ich später nie irgendwelche Schwierigkeiten gehabt,
mich in der Prosa von Fichtes ethnographischen Erkundungen zurechtzufinden.
In: Ethno/Graphie. Reiseformen des Wissens.
Hg. v. Peter Braun u. Manfred Weinberg. Tübingen 2002, S. 193-200
Fußnoten:
(1) Vortrag auf dem Symposium "Hubert Fichte im Feld von Ethnologie und Literatur" im Juni 2002 an der
Universität Konstanz
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(2) Claude Lévi-Strauss. Traurige Tropen. Übersetzt von Eva Moldenhauer. 12. Aufl. Frankfurt a. M.
1999. S. 37. "Wahr" als Bewertung des Reisens im Original hervorgehoben.
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(3) Ebd. S. 412. Im Original schluchzend gereimt: "adieu sauvages! adieu voyages!"
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(4) Herbert Uerlings. Poetiken der Interkulturalität. Haiti bei Kleist, Seghers, Müller, Buch und Fichte.
Tübingen 1997. S. 325. Die Liste der Fichte bekannten Studien zur Kultur und Geschichte Haitis dort S. 325ff.
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(5) Hubert Fichte. Elf Übertreibungen. Einleitung zu: Mein Lesebuch. Frankfurt am Main 1976. S.15. Unter dem
Titel Elf Übertreibungen. Einführung in ein Lesebuch in dem Paralipomena-Band Homosexualität und
Literatur 1 der Geschichte der Empfindlichkeit. Das Zitat dort S. 13
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(6) Ebd. S. 21
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(7) Es ist beeindruckend, heute nachzulesen, wie der Rezensent der ZEIT auf Anhieb erkannte, worum es sich bei
Fichtes Lesebuch handele. Ein "Selbstporträt aus fremden Texten" nennt er es und beschließt
seine Besprechung mit dem erstaunlichen Aperçu: "mein Lesebuch - mein Reisepaß". Rolf Michaelis.
Mein Lesebuch - mein Paß. In: Die Zeit, 10. 12. 1976
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(8) In der an den Vortrag auf der Konstanzer Tagung anschließenden Diskussion wurde aus ethnologischer Sicht
mit einiger Vehemenz der Einwand erhoben, die Methode des "Anähnelns" habe Fichte durchaus auch
von Leo Frobenius und einer in den fünfziger Jahren an diesen anknüpfenden Ethnologie lernen können.
Aber hätte Fichte sich von einem Anähneln von Kulturen in "Kreisen", hätte er sich insbesondere
von den Spekulationen des Autors einer "Kulturgeschichte Afrikas" über eine "äthiopische"
Verwandtschaft zwischen schwarzafrikanischer und deutscher "Seele" zu der Einsicht bringen lassen sollen,
er stehe nicht, wie er selbst empfand und gern bekundete, auf schwarze Körper, sondern auf deren schöne
Seele? Mit andern Worten: Fichtes Anähneln ist nicht essentialisierend nach Art von Kulturkreis-Konstruktionen,
es ist poetisierend.
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